Mittwoch, 2. September 2009

Kiliansmännle, 21.09.1994

Babystrich?,,Keine Macht den Drogen", fordern Sportler in großen Zeitungsanzeigen. Recht haben sie. Auch in Heilbronn bekämpft die Polizei Dealer so gut es geht. Nicht ganz neu, aber um so erschreckender, wenn etwas dran sein sollte, sind die Gerüchte vom sogenannten ,,Babystrich" im Bereich Schillerstraße/Shoppinghaus. Hier bieten angeblich Mädchen und junge Frauen ihre Dienste an. Der Grund: sie brauchen Geld, um sich Drogen kaufen zu können. Eine verkommene an Werten arme Gesellschaft, die solche Entwicklungen nicht verhindern kann.

Fläche gefragtEine Stadt von der Größenordnung Heilbronns mit einem entsprechenden Bestand an Verarbeitendem Gewerbe (Industrie, Handwerk) und Lager- und Transportgewerbe benötigt nach Erfahrung von Wirtschaftsforschungsinstituten allein für die Bestandpflege rund 15 bis 20 Hektar verfügbare Gewerbefläche. Verfügbar heißt, daß Investoren sich nicht erst lange mit unliebsamen Genehmigungsverfahren herumärgern müssen. Am besten ist, wenn die Gewerbeflächen im Besitz der Kommune sind. In Heilbronn fällt auf, daß besonders bei der ansässigen Wirtschaft kleine und mittlere Flächen (100 bis 5000 Quadratmeter) vonnöten sind. Auf eine Prognos-Umfrage antworteten beispielsweise 60 Prozent der befragten Unternehmen, daß sie ihren Standort unter dem Aspekt Flächenerweiterung als schlecht beurteilen. Nur sieben Prozent antworteten mit ,,gut". Deshalb ist es schon gut, daß sich nun auf dem alten Weipert-Gelände etwas tut.

Abgesahnt
Ein alltägliche Fall: Eine Gemeinde möchte größer werden und weist deshalb Bauland aus. Eigentümer, die Grund und Boden in dem künftigen Baugebiet besitzen freuen sich über solch kommunales Vorhaben. Doch nicht immer profitiert der Grundbesitzer von seinem Äckerle zu hundert Prozent. Denn die Kommunen brauchen ja auch Platz für Straßen, Zufahrtswege, Spielplätze, Kindergarten und und und. Diese sogenannte Ausgleichsfläche wird beim privaten Grundstückseigner geholt. Daß sich die Gemeinden manchmal über Gebühr beim Privatmann bedienen, zeigt der Fall Leingarten. Hier wurden 50 Prozent Ausgleichsfläche abgezwackt. Üblich sich 30 Prozent.

Au Backe!Es ist ihr Job: Zahnärzte stopfen Löcher. Doch nun frißt das Gesundheitsstrukturgesetz den Dentisten ein Riesenloch in den Geldbeutel, das die Mediziner nur schwerlich stopfen werden können. Aus dem Gesamtbudget kann der einzelne Zahnarzt nämlich nur maximal soviel Geld erhalten, wie er in den Jahren 1991 und 1992 durchschnittlich umgesetzt hat. Wer mehr Leistungen erbringt, muß mit finanziellen Abstrichen rechnen. Die Zahnärzte - auch im Unterland - wollen eine Leistungseinschränkung für die Patienten. Au Backe, das gibt Ärger. Denn, werte Herren und Damen mit dem Bohrer, falls Sie es noch nicht mitgekriegt haben sollten: Deutschland spart. Die meisten Angestellten und Arbeiter haben in den vergangenen Jahren Reallohnverluste hinnehmen müssen. Warum nicht auch Sie?

MarktEin Treffen der Theater- und Kleinkunstszene sollte es am vergangenen Wochenende werden: der erste Theatermarkt auf dem Kiliansplatz in Heilbronn. Eine bunte Mischung aus Laien und Profis bot der Theaterverein Heilbronns auf. Vierzehn Kleinkunstbühnen, Freilichtspiele und andere Kunst-Organisationen zeigten Ausschnitte ihres Könnens. Appetithäppchen - sozusagen. Was ich von meinem Turm aus sehen konnte, das war lustig, heißa und gekonntes Hoppsassa. Wenn's auch nicht immer den Profi-Ansprüchen genügte, der Versuch war's wert. Es ist halt auch schwer, mühselig einkaufende Mitbürger noch zusätzlich mit hausgemachter Kultur zu versorgen.

BadenerhofZehn Hektar ist sie groß: die Fläche der ehemaligen Badener-Hof-Kaserne der US-Streitkräfte in Heilbronn. Jetzt sind die Soldaten weg - und die Stadt Heilbronn hat das Areal für 11,5 Millionen Mark vom Bund gekauft. Die Abbrucharbeiten sollen im Sommer 1995 abgeschlossen sein. Und dann wird die Planung vorangetrieben: drei Hektar für Gemeinflächen, sechs Hektar sollen verkauft werden. Davon werden auf vier Hektar Sozialwohnungen entstehen, der Rest Privatbauten. Aber erst 1997 können die ersten Bauplätze unter den Hammer kommen. Wer weiß, wer weiß, was bis dahin so alles geschieht. Und wie dann das Gelände der einstigen Kaserne aussehen wird, das sollte der geruhsame Bürger mal mit den heutigen Plänen verglichen.

Diskette
Partei- und Regierungsprogramme auf Diskette für den Computer - warum nicht! Das spart Papier, diesen ach so wertvollen Rohstoff. Die CDU verschickt derzeit bundesweit ihr Regierungsprogramm für die Zeit nach dem 16. Oktober an Schulen. Damit der Gemeinschaftskundeunterricht lebendiger gestaltet werden kann. Die SPD spricht von einem „Skandal“ - aber nur im Unterland. Warum denn, liebe Genossen? Es wäre doch schön, wenn Schüler und Lehrer die Regierungsprogramme beider großer Volksparteien auf Diskette hätten. Sie könnten dann systematisch mit Hilfe ihres Computers die Partei-Versprechen jetzt miteinander vergleichen. Und nach der Wahl immer mal wieder nachschauen, was davon gehalten oder gebrochen wird. Also auf, auf: das SPD-Regierungsprogramm auf Diskette gezogen und an die Schulen in Deutschland versandt. Vor oder nach der Wahl. Ein Vergleich lohnt sich immer.

Herbst
Das 25. Heilbronner Weindorf wird vom 7. bis zum 15. September 1995 stattfinden. Das 24. Weindorf in der Käthchenstadt war an seinen neun Tagen weniger erfolgreich als seine Vorgänger. Statt wie im vergangenen Jahr 300.000 waren es heuer nur 250.000 Besucher, wie immer die auch gezählt wurden. Bis zu 25 Prozent wurde weniger an den Weinständen verdient. Grund: das schlechte Wetter - sagen die Veranstalter. Wenn der Hintergrund aber lautet, daß die Heilbronner nicht mehr soviel saufen, sondern mehr genießen wollen, dann kann's ja den Weingärtnergenossenschaften nur recht sein. Weinzähne, die das edle Gesöff schlotzen und nicht wie Wasser herunterschütten, die benehmen sich dann auch ordentlicher, pinkeln nicht in jede erreichbare Hausecke, werfen keine Flaschen zu Scherben auf die Straßen und torkeln nicht trunken und grölend durch die Gassen der ansonsten ruhigen Stadt. „Verfeinern“ will Bernhard Winkler das Weindorf 1995. Ich unterstütze ihn fahneschwenkend von meinem Turm. Denn ich bin ja der Hauptbetroffene beim alljährlichen Heilbronner Weindorf, das eigentlich kein Rausch-Fest sein sollte.

Kiliansmännle, 14.09.1994

Bauen I?Wohl dem, der ein Häusle sein eigen nennen darf. Doch bis dahin ist es oft ein langer Weg. Auf der einen Seite geht es natürlich besonders ums Geld. Baukredite haben ihren Preis. Doch was so manchen Bauherrn ebenso nervös machen kann wie steigende Kreditzinsen, sind die Vorschriften am Bau. Jedes Dachfenster, jede vom Bebauungsplan abweichende Ziegelfarbe, jede Garagengröße muß genehmigt sein. Ein Mitarbeiter vom Heilbronner Bauamt meinte bedauernd, ,,im Vorschreiben sind wir Deutschen Weltmeister." Und wenn die Vorschriften fallen könnten? Immerhin war es 1993 möglich, die Baustelllungsfreiordnung zu nützen, sprich mit abgekürzten Genehmigungsverfahren zu bauen. ,,Wurde kaum genutzt", sagt der Bauamt-Beschäftigte. Es scheint so, als ob wir über unsere Paragraphen und Reglementierungen glücklich sind.

Bauen IIUnd eben um diese Baufreistellungsverordnung könnte es noch Krach geben zwischen den Oberbürgermeistern und Bürgermeistern auf der einen Seite sowie der Landesregierung auf der anderen Seite. Der allen Unterländern wohl bekannte Dieter Spöri, seines Zeichens Wirtschaftsminister, hätte diese Baufreistellungsverordnung gerne in der Verwaltungsreform platziert. Doch die Schultes fürchten um ihren Einfluß. Wahrscheinlich haben sie recht, denn ein Stückchen kommunale Selbstverwaltung muß ja noch gesichert bleiben.

Dorf des WeinesVon meinem Kiliansturm habe ich eine ganz gute Sicht aufs Heilbronner Weindorf. Auffällig an den ersten Tagen war, daß zu Zeiten, da man sich seinen Weg durch die Gemeinde der Weintrinker erkämpfen mußte, in diesem Jahr noch gut Platz für einen Dorf-Bummel war. Sprich, gegen 19.30 Uhr, war im Weindorf noch nicht so viel los. Woran es liegt, weiß keiner so recht. Selbst dem Schoppe-Fide fehlen da die Worte. Egal, die Weine und Ideen der Wengerter werden von Jahr zu Jahr besser. Und endlich werden auch die besten - freilich auch teuersten Tropfen - kredenzt: St. Urban, St. Kilian, ein Cuvée hier, eine Auslese da. Auffällig allerdings, daß sich die sonst nie um Elitedenken verlegene WG Grantschen mit ihren Edeltropfen zurückhält. Wer ,,SM" oder ,,Grandor" - zwei sehr teuere und gute Rotweine - kaufen wollte, Fehlanzeige. Die blieben im Keller im Weinsberger Tal.

Vorschuß
Wie gesagt, die Grantschener WG ist normalerweise fix. Unlängst hatten die Wengerter von dort wieder so einen Marketing-Gag. Da wird ein Rotwein-Cuvée für Silvester 1999 angeboten. Ja, ja, Sie haben schon richtig gelesen: 1999. Angeblich gibt es zweitausend Flaschen, besser gab, denn ein Teil ist bereits verkauft. Aber, mal unter schwäbisch-fränkischen Weinzähnen gefragt: Würden Sie Geld für einen Wein bezahlen, den Sie erst 1999 bekommen werden? Denn so läuft das im Falle Grantschen: Erst Geld - 100 Mark pro Flasche Silvester-Cuvee - und dann die Ware ein paar Jahre später. Aber was ist, wenn der Wein korkelt. Oder was ist, wenn Grantschen Konkurs anmelden muß, was freilich nicht zu erwarten ist?

StehaufmännchenEr hat es geschafft. Was vor einigen Jahren keiner mehr so richtig geglaubt hat, ist nun Wirklichkeit geworden: Paul Stadel, der ehemalige Schulden-Bürgermeister von Beilstein, mischt nun ganz offiziell wieder in der Kommunalpolitik der Langhans-Kommune mit. Vor einigen Tagen wurde er zusammen mit den anderen neuen Stadträtinnen und Stadträten ernannt. Man darf auf die anstehenden Gemeinderatssitzungen gespannt sein. Stadel wird mit seinem rhetorischen Geschick dem Nachfolger im Rathaus sicher zeigen, wie spannend Debatten sein können. Und Bürgermeister Henzler zeigt Nerven. In Hintergrundgesprächen sagt er schon mal, daß Stadel sicherlich bei den kommenden Bürgermeisterwahlen kandidieren werde. Na und, Herr Henzler?

SpieltriebGrünes Licht für ein Stuttgarter Spielkasino. CDU und SPD haben sich nach monatelangem Tauziehen auf ein Spielbankengesetz geeinigt. Die dritte Spielbank wäre das nach Konstanz und Baden-Baden. Selbstverständlich wurde gleich danach wieder spekuliert, ob nicht Platz für weitere Kasinos im Raum Stuttgart wäre. Ludwigsburg war da immer wieder genannt worden. Von Heilbronn war allerdings nie die Rede. Warum eigentlich nicht? Die Stadt der Krämerseelen, wie sie immer mal wieder boshaft genannt wird, würde damit im Landesvergleich sicherlich gewinnen. Einmal an Geld und dann fiele ja auch etwas für die heimische Hotelerie und Gastronomie ab. Also, Herr Bürgermeister Weinmann, hören Sie sich doch mal bei Ihrem Parteigenossen, dem CDU-Fraktionschef Günther Oettinger um. Vielleicht hat der aus seinem Jackpot etwas für Sie übrig.

Seele
Schätzungsweise 250.000 Menschen wenden sich bei uns in Deutschland jährlich neu an einen Psychologen oder Psychotherapeuthen. Warum? Weil sie unter seelischen Problemen leiden. Sie haben die Qual der Wahl zwischen rund 400 verschiedenen Therapieformen. Ob Psychoana­lyse oder Bio-Energetik, Rebirthing, Psychodrama oder Biofeedback. Übrigens: die wenigsten dieser „Schulen“ haben bisher ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nachwei­sen können. Auch im Unterland treiben viele ihr Handwerk in der Seelenheilkunde. Und die immer wieder gestellte Frage lautet: hilft dem einzelnen Menschen die Einsicht in die Gründe seines Leidens? Paul Watzlawik, renommierter Familientherapeut, meint: Nein. Denn der Blick in die Ver­gangenheit mache viele blind für die Faktoren im „Hier und Jetzt“. Also: Seelenheilkunde, nichts als Quacksalberei und Abzocken? Psychotherapeuten mit Kassenzulassung neigen dazu, wenigstens 25 „abrechnungsfähige“ Sitzungen für die Behandlung zu veranschlagen. Eine ernsthafte Psycho­analyse aber dauert heutzutage mindestens 600 Stunden, meinen Wissenschaftler. Und was sagt der Unterländer Psychopraktiker: was ich in zehn Stunden nicht erreichen kann, bekomme ich auch in 100 Stunden auch nicht hin.

Kiliansmännle, 07.09.1994

Neuer ChefEs war das Medienereignis für die Heilbronner Stimme: Dr. Wolfgang Bok ist seit dem 1. September neuer Chefredakteur der HSt. Beim Empfang im ,,Restaurant am Stadtgarten" konnte ich allerlei gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Prominenz der Region sehen. Bok war mehr als ,,small-talker" denn als Journalist gefordert. Der Region will er ,,mehr Gehör verschaffen" verkündete der neue HSt-Chef. Gut so. Eventuell wird die Zeitung auch ein Quentchen konservativer werden. Denn Bok, der ja von den Stuttgarter Nachrichten kommt, hat nicht den Ruf ein links-liberaler Schreiber zu sein. Vielmehr ist er den Lesern in Stuttgart als entschiedener Befürworter konservativer Positionen bekannt.

WahlkampfVon fairem Wahlkampf wird wieder geredet, der politischen Auseinandersetzung ohne laute polemische Töne. Völliger Unsinn. Wahlkampf ist Wahlkampf - auch in Heilbronn. Und da stehen sich Platzhirsch Egon Susset und Bundestags-Nachrücker Peter Alltschekow gegenüber. Und die werden bestimmt nicht auf Gepolter verzichten. Das hat Alltschekow schon mit seiner Plakataktion bewiesen. Wahlkämpfe sind nun eben mal keine wissenschaftlichen Oberseminare, wo Argumente fein uns leise ausgetauscht werden. Wahlkämpfe sind laut. Denn folgerichtig dürften andernfalls auch nur jene wählen, die mindestens ein Abiturszeugnis vorweisen könne. Aber gottseidank haben wir in Deutschland die Zeiten hinter uns, als der Staat oder eine andere Staatspartei den Bürgern vorschrieb, wie und wer zu wählen ist. In der Demokratie entscheiden immer noch die Mehrheiten und nicht wie bei den Nazis und in der DDR die selbsternannten ,,allwissenden Minderheiten" einer allmächtigen Partei. Also ich freue mich auf einen Bundestagswahlkampf, in dem Tacheles geredet und um jede Wählerstimme gekämpft wird. Daß dabei manchmal die Fetzen fliegen werden, sei es drum.

Selber trinkenDa war der Besucher Skandinaviens aber platt: Wein wollte er trinken, mal sehen, ob es auch ein Württemberger Tröpfchen in der staatlichen Vinothek von Trondheim gibt. Denn in Norwegen ist Alkoholverkauf an Lizenzen des Staates gebunden. Nicht jeder Supermarkt führt hier Wein, Bier oder Schnaps. Doch die Suche nach dem Württemberger blieb vergebens. Alles hatten die Nordländer im Regal: Weine aus Frankreich, rote Tropfen aus Chile, Südafrika und Australien, ja selbst einen Badener. Was fehlte, war der Württemberger. Ohne eine Flasche verließ der potentielle Käufer die Vinothek, schmunzelte vor sich hin und dachte nur: Wir Württemberger wissen, was gut ist und trinken unser Sach` eben selber.

WeindorfApropos trinken. Wo sich wieder jede Menge Württemberger Weine finden lassen, ist ja nun beim Heilbronner Weindorf. Von meinem Turm aus läßt sich das gesellige Treiben jeden Tag und Abend beobachten. Klar, daß ich auch von der hohen Warte herunter steigen und mich ins Getümmel stürzen werde. Das Stuttgarter Weindorf ist ja nun vorbei. Es wirbt immer damit, eines der schönsten, größten aber auch ruhigsten Feste im Ländle zu sein. Die Polizei, die das Leben in der Stuttgarter Innenstadt wachsam beäugte, mußte kaum gegen randalierende Zecher einschreiten. Hoffen wir, daß es in Heilbronn auch so ist. Bei dem schielen die Veranstalter ja immer mißtrauisch und mit ein bißchen Neid in die ach so erfolgreiche Landeshauptstadt. Aber da beißt die Maus keinen Faden ab: Stuttgart und seine Region sind halt für viele attraktiver als das im Windschatten der Entwicklung gelegene Heilbronn und Unterland.

Wegschauen?Stadtplaner gucken da nur ungern hin. Das ist in Heilbronn so wie in anderen großen Städten. Es gibt sie überall, die Gegenden, die als asozial verschrieen sind. Kennzeichen solcher Gebiete: Wohnblocks, sozial schwache Mieter, hoher Ausländeranteil, Alkoholismus, Drogenkriminalität, bei Wahlen große Erfolge für radikale Parteien, zerrüttete Familienverhältnisse. Man könnte diese Aufzählung negativer Beschreibungen fortsetzen. Wer sich beispielsweise in Heilbronn ein Bild davon machen will, braucht bloß einen Blick ins sogenannte ,,Hawaii" zu werfen. Zugegeben, Heilbronn und seine als asozial gekennzeichneten Gebiete sind im Vergleich zu anderen Großstädten Deutschlands noch annehmbar. Aber der Wurm ist drin. Wegschauen sollten Städteplaner deshalb nicht, denn die ,,Reparaturen" dieser Gegenden sind teuer. Die professionellen Helfer von Kirche oder Staat wissen von ihrer mühevollen Arbeit ein Liedchen zu singen.

Steigende PreiseDie Landeshauptstadt hat Sogcharakter. Man arbeitet gerne dort. Viele, die sich das Wohnen in Stuttgart nicht leisten können - und das sind immer mehr - ziehen in die Schlafstädte vor den Toren Stuttgarts. Die Bürgermeister längs der Autobahn A 81 wissen davon ein Liedchen zu singen. Die Gemeinden verzeichnen sprunghafte Einwohnerzuwächse. Was ebenso ansteigt sind die Bodenpreise auf dem Land. Da werden in Kommunen wie Mundelsheim, Ilsfeld oder Untergruppenbach, wo noch vor gar nicht so viel Jahren der Quadratmeter Bauland für 300 Mark zu haben war, mittlerweile 600, ja gar 700 Mark gezahlt. Eine bedenkliche Entwicklung, denn bei vielen Gemeinden führt dies dazu, daß ohne wenn und aber Baugebiete ausgewiesen werden, egal, ob die Infrakstruktur stimmt.

ErinnerungenDie goldenen 80er Jahre sind vorüber. Da boomte Neckarsulm und seine Audi-Autoindustrie noch. Immer mehr Menschen im Unterland arbeiteten für den Fahrzeugbau - jeder direkt und noch einmal jeder dritte indirekt; 1992 schließlich erlebte die automobile Produktion unter Konzernlenker Ferdinand Piech ihren Höhepunkt. Der Alleinherrscher aus Österreich trieb den Umsatz um neun Prozent in die Höhe. Das Ergebnis war freilich fatal: Piech hinterließ seinem Nachfolger Franz-Josef Kortüm 120 000 unverkaufte Fahrzeuge. Und diesen Autoberg konnte der ehemalige Leiter einer Mercedes-Vertretung in Bonn nur teilweise abbauen. Das Ergebnis ist bekannt: Kortüm mußte seinen Hut nehmen. Und heute? Man setzt auf neue Audi-Produkte. Und nicht nur die Gemeinde Neckarsulm hofft auf steigende Audi-Umsatzzahlen.

VersprechungenMan muß Politiker immer mal wieder an ihre Versprechungen erinnern. Beispielsweise Dr. Dieter Spöri (SPD), den Wirtschaftsminister Baden-Württembergs. In einem Interview hatte er zugesagt, die längst fällige Sanierung des alten Heilbronner Industriegebietes - mit 420 Hektar auch das größte zusammenhängende Industriegebiet Württembergs - zu unterstützen. 25 Millionen Mark sollte die Sanierung laut Spöri kosten. Zehn Millionen Mark soll es vom Land geben. Ich bin gespannt, ob das Geld eintrifft im Stadtsäckel.

VerkehrsverbindungImmer wieder höre ich die Klagen der Unterländer Unternehmer: Es fehlt uns an einer guten Verkehrsanbindung. Wenn es denn schon nichts ist mit einer gescheiten Zuganbindung, dann doch bitte wenigstens die Straße. 1994 bis 1998 werden vom Bund und Land 23 Straßenbaumaßnahmen mit einem Gesamtvolumen von immerhin 345 Millionen Mark gefördert. In den 13 Jahren von 1980 bis 1992 waren es lediglich 228 Millionen Mark. Alles schön und gut, aber wo bleibt das Geld für den Ausbau der A6?

WeindorfFür Liebhaber schwäbischer Spezialitäten und heimischer Weine ist das Weindorf ein Dorado. 250 verschiedene Badener und Württemberger Tropfen werden kredenzt.
Welches Weindorf im Lande ich damit beschrieben habe? Selbstverständlich das Stuttgarter. Das Heilbronner läßt ja noch auf sich warten. Bekanntlich ist das Stuttgarter nicht nur das größte und schönste im Ländle, es ist auch immer eines der ruhigsten Feste gewesen. Das konnte ich selbst bei meinem Besuch feststellen. Und auch die Polizei, die das Dorfleben in der Stuttgarter Innenstadt wachsam beäugt, mußte bisher nicht einschreiten. Außer einem Taschendiebstahl, keine Vorkommnisse. Warten wir also unter diesen Vorzeichen auf das doch sehr turbulente Heilbronner Weindorf. Bei dem schielen die Veranstalter ja immer mißtrauisch und mit ein bißchen Neid in die so erfolgreiche Landeshauptstadt. Aber da beißt die Maus keinen Faden ab: Stuttgart und seine Region sind halt für viele attraktiver als das im Windschatten der Entwicklung gelegene Heilbronn und Unterland.

Asozial
In nahezu jeder Stadt und Gemeinde gibt es Gegenden, die als asozial verschrieen sind. Die Kennzeichen solcher Gebiete: Wohnblocks, sozial schwache Mieter, Drogenkriminalität, hoher Ausländeranteil, bei Wahlen hohe Anteile von radikalen Parteien, zerrüttete Familienverhältnisse. Man könnte diese Aufzählung negativer Beschreibungen fortsetzen. Die Polizei weiß da besser und genauer Auskunft zu geben. Aus Städten in den USA wissen wir ja, ist ein Gebiet erst einmal asozial infiziert, dann verlassen jene ganz schnell das Terrain, die nicht mit „Schreiern, Schlägern und Drogenabhängigen“ (ob nun Alkohol oder härtere Stoffe) zusammenleben wollen. Und wenn das Kind dann endgültig in den Brunnen gefallen ist, erst dann kommen die Feuerwehren: die professionellen Helfer von Kirche und Staat. Aber die können nur Wunden verbinden und selten heilen. Heilbronn und seine als asozial gekennzeichneten Gebiete sind im Vergleich mit den Großstädten Deutschlands allerdings noch annehmbare Wohnviertel. Aber der Wurm ist drin.

WahlkampfWahlkampf ist Wahlkrampf. Ich höre sie schon: unsere professionellen Besserwisser, die Wahlkämpfe am liebsten in wissenschaftliche Oberseminare verwandeln möchten, wo die Argumente fein und leise ausgetauscht werden. „Sachlich und vernünftig“. Aber folgerichtig dürften dann auch nur jene wählen, die mindestens ein Abiturzeugnis vorweisen können. Aber gottseidank haben wir in Deutschland die Zeiten hinter uns, als der Staat oder eine Staatspartei den Bürgern vorschrieb, wie und wer zu wählen ist. In der Bundesrepublik wird gewählt, wer überzeugt. Und gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. In der Demokratie entscheiden immer noch die Mehrheiten und nicht wie bei den Nazis und in der DDR die selbsternannten „allwissenden Minderheiten“ einer Partei. Oder besser gesagt: die Polit-Terroristen. Also: freuen wir uns auf einen Bundestagswahlkampf, in dem Tacheles geredet und um unsere Stimmen gekämpft wird. Denn sie haben viel zu gewinnen und noch mehr zu verlieren, unsere lieben Parteien.

Kiliansmännle, 31.08.1994

LmiA 1994
Jagsthausen und die Burgfestspiele der Freiherren von Berlichingen sind seit 45 Jahren fester Bestandteil touristischer Kultur im Grenzbereich zwischen Unterland und Hohenlohe. Was einst nur mit Goethes „Götz von Berlichingen“, der Geschichte des Ritters mit der eisernen Hand und dem derben Spruch (LmiA) begann, ist heuer und in den vergangenen Jahren auch schon zu einem Festival mit amerikanischem Musical mutiert. „Anatevka“ gab's neben dem Traditionsstück „Götz“ im Burghof zu sehen. Und das Musical hatte sogar eine Platzausnutzung von 107, 4 Prozent! Der Götz an Platz zwei lag bei 100,5 Prozent. Wer‘s nicht glaubt, sollte mal nachschauen, wo im Jagsthäuser Burghof überall Menschen sitzen, um dem Spektakel zu folgen. Vom 16. Juni bis zum 21. August 1994 kamen zu 71 Vorstellungen 69.469 Besucher in den Burghof. Mit dieser 45. Spielzeit verabschiedete sich auch die 64jährige Ellen Schwiers, die künstlerische Leiterin, um den Theater-Acker Jagsthausen 1995 von anderen Kräften düngen zu lassen. Vom Turm herab rufe ich der Prinzipalin mit einer Träne im Knopfloch nach: toi, toi, toi und vielen herzlichen Dank für die so erfolgreiche „Schwiers-Aera“.

WeindorfFür Liebhaber schwäbischer Spezialitäten und heimischer Weine ist das Weindorf ein Dorado. 250 verschiedene Badener und Württemberger Tropfen werden kredenzt.
Welches Weindorf im Lande ich damit beschrieben habe? Selbstverständlich das Stuttgarter. Das Heilbronner läßt ja noch auf sich warten. Bekanntlich ist das Stuttgarter nicht nur das größte und schönste im Ländle, es ist auch immer eines der ruhigsten Feste gewesen. Das konnte ich selbst bei meinem Besuch feststellen. Und auch die Polizei, die das Dorfleben in der Stuttgarter Innenstadt wachsam beäugt, mußte bisher nicht einschreiten. Außer einem Taschendiebstahl, keine Vorkommnisse. Warten wir also unter diesen Vorzeichen auf das doch sehr turbulente Heilbronner Weindorf. Bei dem schielen die Veranstalter ja immer mißtrauisch und mit ein bißchen Neid in die so erfolgreiche Landeshauptstadt. Aber da beißt die Maus keinen Faden ab: Stuttgart und seine Region sind halt für viele attraktiver als das im Windschatten der Entwicklung gelegene Heilbronn und Unterland.

Zahlkräftig
Bei uns im Ländle steigen die Gebühren für jeden Scheiß. Aber wo bleibt das Geld, sprich unsere Steuern? 1993 zahlte die alte Bundesrepublik an die neuen Länder im Osten 130 Milliarden Mark. Im laufenden Jahr werden es 136 Milliarden sein. Insgesamt dann bisher seit der Vereinigung von „BRD und DDR“ rund 490 Milliarden. Hinzu kommen noch 390 Milliarden an privaten Investitionen, vornehmlich von Unternehmen aus der „alten“ Bundesrepublik. Die Einheit der Deutschen kostet Geld - und wird weiterhin Unsummen Geld kosten. Die Reichen müssen abgeben, damit die Armen den nahezu gleichen Lebensstandard genießen können. So war das schon in der alten Bundesrepublik. Aber den PDS-Sozialisten und ihren lobhudelnden „Roten Socken“ in anderen Parteien und Institutionen (auch bei uns im Westen) muß immer wieder unter die Nase gerieben werden: ohne dieses West-Geld würde es unseren „Brüdern und Schwestern“ im „Musterland des Sozialismus“ DDR heute verdammt schlecht gehen.

Heilbronn ist ,,in"In den Großstädten Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe aber auch in Heidelberg nahm 1993 die Bevölkerungszahl ab. Das weiß zumindest das Statistische Landesamt Baden-Württemberg. Nicht so in Heilbronn. Das Großstädtle unterm Kiliansturm ist „in“. 2,25 Prozent, das sind 6.476 Menschen, zählte Heilbronn mehr als im Vorjahr. Ähnlich erging es übrigens Freiburg, Pforzheim, Ulm und Reutlingen.

Nordtangente
Im Norden Heilbronns gibt‘s eine Straße, die es eigentlich gar nicht gibt: die Friedrich-Ebert-Straße. Dreißig Meter breit führt sie von der Paul-Göbel-Straße zur Neckarsulmer Straße. Bisher aber ohne Asphalt, sondern als Ackerland. Als in Heilbronn noch großzügig ein Alleen-Gürtel um die Innenstadt geplant war, teilweise auch zur Ausführung gelangte (Ost- und Südstraße), da war die Ebert-Straße noch ein schönes Faustpfand in Händen der Stadtverwaltung. Aber die Stadt Heilbronn versäumte es, die Straße rechtzeitig auszubauen. Dafür müssen sich jetzt die Anwohner der Weinsberger Straße mit lauten und mächtigen Verkehrsströmen herumplagen. Und die Bewohner unterhalb des Wartbergs, die setzen sich dieser Tage schon entschieden mit Unterschriftenlisten gegen den Ausbau der Friedrich-Ebert-Straße zur Wehr. Die allseits gelobte Stadtbahn, die muß ja nicht durch ein in Jahren gewachsenes, ruhiges Wohngebiet fahren. Gell, ihr Stadträte und Rathäusler!

Guter Jahrgang?Unsere Wengerter sind ja meistens Berufs- und Zweckpessimisten. Aber, was den Jahrgang 1994 angeht, lassen sie sich schon mal zu Schwärmereien, wie „bilderbuchmäßige Rebenblüte“, „der Sommer hat die Wetterwünsche rundrum erfüllt“ oder auch „unglaubliches Dickenwachstum“ hinreißen. Mit einem „durchschnittlichen Ertrag bei überdurchschnittlicher Qualität“ rechnet der Direktor des Weinbauverbandes Württemberg, Karl Heinz Hirsch. Nach einer alten Weingärtnerregel brauchen die Trauben von der Blüte bis zur Lese rund 100 Tage. 1994 ist ein Jahr mit einer frühen Traubenblüte. So rechnen die Weinzähne damit, daß die ersten Sorten, vermutlich Müller-Thurgau um den 20. September herum gelesen werden können.

Bewegung
Nun kommt also doch ein bißchen Bewegung in die Stadtplanung für den Bereich ums Heilbronner Theater. Mit dem Abbruch der ehemaligen Weinhandlung Göhring will die Stadt ein Signal setzen. Doch was war nicht alles schon an Versuchen gemacht worden, das Areal am Berliner Platz einer Großstadt würdig zu bebauen. Jetzt soll ein Geschäftszentrum der gehobenen Klasse entstehen. Warten wir es ab. Der großen Sprüche wurden in Sachen. „Berliner Platz“ schon zu viele gemacht.

Miesepeter
Einer, der Heilbronn die Sogwirkung als Oberzentrum der Region Franken nicht gönnt, ist ein Mensch namens Herbert Birkenfeld. Der hat in den Ulmer Geographischen Heften einen Städtevergleich angestellt, in dem Heilbronn gar nicht gut abschneidet. Der gute Mann sieht die Neckarstadt auf dem Weg in die Superprovinz. Die Käthchen- und Weinstadt sei einer der großen Verlierer in Baden-Württemberg. Nun, lieber Herr Birkenfeld, frage ich mich allerdings, warum wollen dann immer mehr Menschen hier leben? Also, nicht so miesepetrig sein!

Kiliansmännle, 24.08.1994

Top 1000 XLAuch in Heilbronn und im Unterland wurde dem Schwaben-Woodstock heftig zugejubelt - vor allem in den Gazetten. Der Jugendfunk des Südfunks in Stuttgart SDR 3 spielte eine Woche lang die Musik seiner Hörer in seiner Hitparade „Top 1000 XL“. Aus 60.000 Einsendungen, die in vielen Teilen Europas auch von anderen Radiostationen gesammelt wurden, wurde das Pop- und Rockmusik-Programm zusammengestellt. Insgesamt spielte das „Wilde-Süden-Radio“ 1.555 Musiktitel - fortlaufend. Präsentiert von den drei in die Jahre gekommenen SDR-3-Moderatoren Thomas Schmidt, Stefan Siller und Matthias Holtmann. Jugendfunk von Berufsjugendlichen über vierzig. Und da paßte dann auch der erste Platz haarscharf: „Stairway To Heaven“ von den britischen Oldtimern „Led Zeppelin“. Oldie-Turnweltmeister Eberhard Gienger schwebte am Sonntag-Nachmittag mit dem Siegertitel per Fallschirm ein. Bei dieser Greisen-Hitparade wär s‘Kiliansmännle gar nicht aufgefallen - nur mein Kostüm. Da braucht sich niemand zu wundern, wenn die wirkliche Jugend mit dieser Oldie-Jugend nicht viel am Hut hat.

GlotzeKlaus Wagner, Heilbronns Theaterintendant, inszenierte in Warschau eine Wagner-Oper. Die von Richard Wagner, dem aus Bayreuth. Und wenig später flog der Intendant am Großen Theater in Warschau. Nicht wegen Klaus Wagners Inszenierung, sondern weil er das polnische Staatstheater ins provinzielle abrutschen ließ, meinten Kritiker. Bei Sat 1 fliegt am Ende des Jahres Karl Dall mit seiner Blödelshow „Jux und Dallerei“ aus dem Programm. Der Nachfolger für Dall heißt Michael Tasche (38), einst für kurze Zeit Schauspieler in den achtziger Jahren unter Klaus Wagner am Heilbronner Theater. Der Münchner (Ausbildung: Gesang, Tanz, Schauspielerei) hat bereits TV-Erfahrung („Ein Tag wie kein anderer“), soll in der neuen Show seine Studiogäste um mehr als 100.000 Mark spielen lassen. Wenn es ein Erfolg wird, so Sat 1, bekommt Michael Tasche den 20-Uhr-Termin. - Und wenn nicht, wird er Nachfolger von Klaus Wagner. Wer weiß, wer weiß ...

NordenIm Norden Heilbronns gibt‘s eine Straße, die es eigentlich gar nicht gibt: die Friedrich-Ebert-Straße. Dreißig Meter breit führt sie von der Paul-Göbel-Straße zur Neckarsulmer Straße. Bisher aber ohne Asphalt, sondern als Ackerland. Als in Heilbronn noch großzügig ein Alleen-Gürtel um die Innenstadt geplant war, teilweise auch zur Ausführung gelangte (Ost- und Südstraße), da war die Ebert-Straße noch ein schönes Faustpfand in Händen der Stadtverwaltung. Aber die Stadt Heilbronn versäumte es, die Straße rechtzeitig auszubauen. Dafür müssen sich jetzt die Anwohner der Weinsberger Straße mit lauten und mächtigen Verkehrsströmen herumplagen. Und die Bewohner unterhalb des Wartbergs, die setzen sich jetzt schon entschieden gegen den Ausbau der Friedrich-Ebert-Straße zur Wehr. Mit der Begründung aus dem bekannten Sankt-Florians-Prinzip. Die allseits hochgelobte Stadtbahn, die kann ja auch ganz woanders fahren, gell?!

Pfühl
Kennen sie den Pfühlpark im Osten Heilbronns? Ein wunderschönes Gelände mit altem Baumbestand zwischen Schliz- und Jägerhausstraße. Eine grüne Lunge der Stadt, in der sich nahezu alle Bevölkerungsschichten erholen können, vom Kleinkind bis zum Greis. Liegewiesen, Spielplätze, Rosengarten, der sich durch das flache Gelände schlängelnde Bach, all das strahlt Ruhe und Beschaulichkeit aus. Aber seitdem die Landesgartenschau-Pläne für den Pfühlpark gestorben sind, modert er in Teilen auch vor sich hin. Vor allem der sogenannte Pfühlsee, der heute nur noch ein trüber Tümpel ist, in dem sich selbst Enten, Wasserraten und anderes Getier nur mit Mühe noch wohlfühlen können. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Brühe des Sees eine wunderbare Brutstätte für alle möglichen Krankheitskeime. Aber demnächst soll das Gewässer ja saniert werden. Und das kann dank der altbekannten „Heilbronner Planung“ dauern.

FahrplanHeilbronns Verkehrsbetriebe werden 1994 ein Defizit von 12 Millionen Mark einfahren. Jeder Fahrgast, so rechnet die Stadtverwaltung uns Bürgern vor, wird mit einer Mark subventioniert. Und für 1995 ist auch schon eine „moderate Fahrpreiserhöhung“ angekündigt worden. 1993 gab's sogar eine Erhöhung der Fahrgastzahlen: 13,5 Millionen, das sind sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Und um die Zahlen noch steigern zu können, gibt‘s jetzt einen neuen Fahrplan. Aber die Zettel, die an den Bushaltestellen hingen, waren zum Wechsel teilweise verschwunden, sodaß die Benutzer des vielgelobten Heilbronner ÖPNV reichlich verdummt aus der Wäsche schauen mußten. Der Zorn darüber und über andere Mißstände war gewaltig, der sich auf die Verkehrsbetriebe ergoß. Von einigen Bürgern war lautstark zu hören, daß jene Beamte, die den neuen Fahrplan ausgetüftelt haben, wohl kaum täglich Bus in Heilbronn fahren, sondern typische Auto- oder Radfahrer seien.

OrdnungssinnNichts gegen Ordnung, die muß sein. Was aber derzeit so manches Unterländer Bürgermeisteramt verschickt, ist zuviel des Guten. Es geht ums Zurückschneiden von Hecken, Sträuchern oder Bäumen. Da gibt es genaue Vorschriften, wieweit das Grünzeug über die Grundstücksgrenzen auf gemeindeeigenes Terrain reichen darf. Weh dem, der sich nicht an das sogenannte ,,Lichtraumprofil" (Kommunaldeutsch) hält. Der muß stutzen. Die Begründung ist allerdings aberwitzig. Die Pflanzen machten Asphalt und Beton kaputt, heißt es da. Also ich habe da lieber ein Gänseblümchen, das sich nicht an Paragraph 13 des Nachbarrechtsgesetzes hält als einen piekfeinen Teerbelag. Liebe Paragraphenreiter aus dem Bürgermeisteramt, kümmert euch besser um ordentliche Kommunalfinanzen als um die Sträucher und Hecken eurer Mitbürger.

Kiliansmännle, 17.08.1994

Christo
Er ist ein Verpackungskünstler, das bulgarisch-amerikanische Künstler-Unikum Christo Javachev (59). Bei Miami (USA) zum Beispiel bedeckte er elf Mini-Inseln mit rosafarbenen Kunststoffhüllen. Und im Frühjahr 1995 will er endlich wie schon lange geplant den Berliner Reichstag verhüllen. Aber vorher noch soll das Museum Würth in Künzelsau-Gaisbach an die Reihe kommen. Da der Schraubenkönig Reinhold Würth (ebenfalls 59, 13.000 Mitarbeiter, 3 Milliarden Umsatz) Christo, den Sohn eines Fabrikbesitzers auf Anhieb bei einem Empfang in Hamburg sympathisch fand, beauftragte er ihn, sein Privatmuseum in der Gaisbacher Konzernzentrale (einst 60 Millionen Mark teuer) zu verhüllen. Am 14. Januar 1995 will Christo mit der Aktion beginnen und in zwei Wochen mehrere hundert Quadratmeter Boden und Glasflächen mit weißem Stoff und braunem Packpapier verhängen. Die Aktion soll vier Monate andauern. Weltkunst in Hohenlohe - dank eines echten Mäzens. Mit Ausstrahlung auf die gesamte Region Franken, das Land Baden Württemberg und ganz Deutschland.

SchuldenWissen Sie eigentlich, wieviele Schulden Sie haben? Ich meine jetzt nicht die privaten, sondern jene, die der Staat für Sie gemacht hat. In Baden Württemberg war 1993 jeder Einwohner über die an Kommunen zu leistenden Steuern und Abgaben mit rund 1670 Mark verschuldet. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Anstieg von rund fünf Prozent. Kein Arbeitnehmer hat diese Steigerung in der Lohntüte draufgelegt bekommen. - So gehen sie halt, die Damen und Herren Politiker, mit unserem Geld um. Zur Verantwortung ziehen können wir, die Steuerzahler, sie dafür direkt leider nicht. Aber wir wählen sie - und sollten deshalb genau hin­schauen und auch nachrechnen. Nur wegen dem netten Gesicht und der haltlosen Versprechungen jemanden wäh­len, die Zeiten sind vorbei.

Streit ums WasserDarauf habe ich schon lange gewartet: Der Streit um die Hobbypaddler auf der Jagst ist voll entbrannt. Angriffslu­stig nannte der Vorsitzende des Fischereivereins Herbolz­heim, Hans Eckert, die Freizeit-Paddelei ein Ärgernis ersten Ranges. Die Natur werde dadurch zerstört. Moment, Mo­ment - Herr Eckert, zugegeben, durch die Kanus auf der Jagst wird so mancher Vogel oder Fisch gestört, aber wie sieht es mit den Aktivitäten der Angler und Fischer? Sind das wirklich nur die selbstlosen Naturschützer, wie Sie sie sehen? Wenn es Ihnen, Herr Eckert, wirklich nur um den Erhalt der Natur geht, dann bitteschön müßte angestrebt werden, aus dem Unteren Jagsttal ein Naturschutzgebiet zu machen. Ein bürokratischer Kraftakt wohlgemerkt. Aber dann ist es wohl auch aus mit dem Angeln und Fischen.

Wohlverdienter Ruhestand
Recht so, Erich Schott. Der Schultes aus Massenbachhausen verkündete dieser Tage, daß er nicht mehr kandidieren werde - Ruhestand ist angesagt. Ruhestand? Von wegen! Gut informierte Kreise wissen, daß der 53jährige nicht nur seinen sportlichen Interessen nachgehen wird. Da ist die Rede von einem Engagement in der Firma eines befreundeten Unternehmers im Osten. Nicht schlecht, denn pensionsberechtigt sind Bürgermeister schon viel früher als Otto-Normal-Arbeitnehmer.

Kino-Provinz
Wie war das mit der Großstadt Heilbronn? Vom Kiliansturm sieht sie zumindest so aus - groß eben. Doch was das kulturelle Angebot angeht, so erlebt man doch immer wieder traurige Rückschläge. Da ist die Provinz fortschrittlicher. Warum? Na, versuchen Sie doch mal ,,Vier Hochzeiten und ein Todesfall" im Kino zu sehen. Pustekuchen - die britische Komödie, die selbst in den USA der Renner schlechthin ist, wird wohl in Heilbronn nicht ins Kinoprogramm kommen. Jaeger-Kinos und der entsprechende Filmverleih können nicht miteinander. Engstirnig, und der Zuschauer muß es büßen. Nicht zum ersten Mal übrigens. „Die Firma“, „Schindlers Liste“ und „Jurassic Park“ mußten sich die Zuschauer auch schon in Neckarsulm oder anderswo ansehen.

Öde MeileRunter vom Kiliansturm, rein ins Getümmel. Beim Sommerschlußverkauf habe ich die Geschäfte abgeklappert. Prächtig, was es da alles gab. Gestartet habe ich meine Tour beim Kaufhof und bin dann gepilgert bis zu McDonalds am Ende der Sülmer City. Hier wurde es allerdings trist. Beim Biß in den Hamburger mit Blick aufs Heilbronner Theater dachte ich mir: Irgend etwas fehlt. Nein, nicht dem Hamburger, sondern dem Platz. Der ist öde. Und das schon zu lange. Von attraktiver Stadtplanung keine Rede. Dabei war es genau das, was die Gutachter immer wieder empfohlen hatten: Mehr Freundlichkeit und Leben in die Stadt.

ExotischHeilbronn hat wieder einen SPD-Bundestagsabgeordneten. Zumindest bis 16. Oktober 1994. Dann wird sich weisen, ob Peter Alltschekow das Direktmandat gegen Egon Susset (CDU) holen kann. Alltschekow läßt keine Gelegenheit aus, um von sich reden zu machen. Die Presse ließ er wissen, daß er, Alltschekow, beklage, daß eine Heilbronner Zoohandlung Kaiman-Babies verkaufe. Als ob es nichts Wichtigeres zu verkünden gebe.

Glotze
Klaus Wagner, Heilbronns Theaterintendant, inszenierte in Warschau eine Wagner-Oper. Die von Richard, dem aus Bayreuth. Und wenig später flog der Intendant am Großen Theater in Warschau. Nicht wegen Klaus Wagners Inszenierung, sondern weil er das polnische Staatstheater ins provinzielle abrutschen ließ, meinten Kritiker. Bei Sat 1 fliegt am Ende des Jahres Karl Dall mit seiner Blödelshow „Jux und Dallerei“ aus dem Programm. Der Nachfolger für Dall heißt Michael Tasche (38), einst für kurze Zeit Schauspieler unter Klaus Wagner am Heilbronner Theater. Der Münchner (Ausbildung: Gesang, Tanz, Schauspielerei) hat bereits TV-Erfahrung („Ein Tag wie kein anderer“), soll in der neuen Show seine Studiogäste um mehr als 100.000 Mark spielen lassen. Wenn es ein Erfolg wird, so Sat 1, bekommt Michael Tasche den 20-Uhr-Termin. - Und wenn nicht, wird er Nachfolger von Klaus Wagner. Wer weiß, wer weiß ...

Dienstag, 1. September 2009

Kiliansmännle, 10.08.1994

BergvagabundenDer Kanzler erholt sich am Wolfgangsee, mancher Sozialdemokrat trinkt seinen Schoppen in der Toskana, der Heilbronner Landtagsabgeordnete und baden-württembergische Wirtschaftsminister Dieter Spöri will dagegen lieber hoch hinaus. Mit seinem Freund und Parteigenossen, dem Backnanger SPD-Bundestagsabgeordneten Robert Antretter, stürmt er die Berggipfel Südtirols. Kein gemütliches Wandern, nein, die beiden Bergvagabunden klettern auf Steigen, für die einer schwindelfrei sein muß. Übernachtet wird in Hütten, aber auch nur manchmal, denn die Genossen genießen einen gewissen Bekanntheitsgrad, so daß sie allabendlich politisieren müßten. Um dem aus dem Weg zu gehen, wählen Spöri und Antretter dann schon mal in eine weniger bequeme Biwakschachtel als Nachtquartier. Eines ist sicher: Spöri wird fit sein für den anstehenden Wahlkampf. Und er hat den Kontrahenten von der Union voraus, daß er schon ganz oben auf dem Gipfel war.

Die Bagger sind daNur zu Erinnerung, Herr Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann, die Waldheide ist immer noch nicht als Naherholungsgebiet für die gesamte Bevölkerung frei. Nach wie vor ist das Areal von einem Stacheldraht umgeben. Da kann keiner rein, um seinen Spaziergang zu machen. In einem Interview sagten Sie, Herr Weinmann, sinngemäß, daß ihr schönstes Erlebnis gewesen sei, als die Waldheide wieder frei wurde für die Bevölkerung. Jetzt sind Bagger auf der Waldheide. Meinen Sie das etwa mit „Bevölkerung“?

Leeres Versprechen?Vollmundig ließ die Landesregierung mitteilen, daß Unwettergeschädigten noch bis Ende August Zuwendungen zur Beseitigung der Schäden gewährt werden. Wir haben ja Wahlkampf. Doch über die Zusagen aus Stuttgart kann man im Heilbronner Rathaus nur den Kopf schütteln. „Leere Versprechen“, winkt ein Rathausmitarbeiter ab. Warum? Weil die Landesregierung eben doch nicht so freigiebig ist mit ihrer „Unwetterhilfe“. Seien Sie froh, wenn Hochwasser und Hagel Ihr Anwesen nicht erwischt haben, oder wenn Sie nur naß geworden sind, wie ich auf meinem Turm. Denn, wenn Sie wirklich finanzielle Hilfe brauchen, wie manche Unwetteropfer besonders im nördlichen Landkreis, brauchen sie nicht auf die Landesregierung setzen. Die läßt Sie nämlich ganz schön im Regen stehen. Von unbürokratischer Hilfe keine Rede.

Volksfest-KriseVon wegen Wirtschaftskrise: Selbst bei Rekordhitze strö­mten Besucher zum größten Unterländer Vergnügen, dem Volksfest. Insgesamt sollen es 250.000 gewesen sein. Soviele will Heilbronns Verkehrsdirektor Bernhard Winkler gezählt haben. Also 50.000 weniger als im vergangenen Jahr. Gefragt waren Fahrgeschäfte, wie beispielsweise die ,,Wilde Maus". Kein ganz billiger Spaß. Dasselbe trifft für Bier, Göckele oder auch die vielen süßen Leckereien zu. Man mußte es sich nur leisten können. Und wer übers Unterländer Volksfest schlenderte, konnte durchaus feststellen, daß die Besucher nicht nur aus den Kreisen der finanziellen Elite kommen. Im Gegenteil. Aber alles in allem mußten die Schausteller feststellen: der Einbruch war gewaltig, auch beim lieben Geld.

Schnell handelnBei Obstbauern und Hobbygärtnern geht die Angst um. Denn der Feuerbrand, eine durch Bakterien hervorgerufene Pflanzenkrankheit, die schwerpunktmäßig Kernobstbäume befällt und rasch zu deren Absterben führt, breitet sich wie eine Seuche aus. Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser rief zur energischen Bekämpfung des Feuerbrandes auf. Helfen tut allerdings nur rigoroses Zurückschneiden der be­fallenen Äste und Zweige. Sonst hatte Weiser keine Tips für die Obstbauern. Und auch sein CDU-Parteifreund, der Unterländer Bundestagsabgeordnete und Agrarexperte Egon Susset, hielt sich in Sachen Feuerbrand auffällig zu­rück. Vielleicht liegt es daran, daß Susset „seinem“ Land­wirtschaftsminister dann vorwerfen müßte, er, Weiser, habe auf die Feuerbrandgefahr zu behäbig und langsam reagiert.

GeschafftApropos Egon Susset, der bekommt nun zur anstehenden Bun­destagswahl seinen Wunschgegner Peter Alltschekow. Der SPD-Mann und Sprecher von Wirtschaftsminister Dieter Spöri, rückte in den Bundestag nach. Für den ehrgeizigen Alltschekow ist das Mandat nicht nur ein finanzieller Vor­teil. Nun kann er endlich auch aus dem Schatten von Spöri heraustreten. Wenn es allerdings bei der Wahl am 16. Ok­tober nichts mit dem Unterländer Direktmandat für Allt­schekow wird - auf der SPD-Landesliste steht er nicht -, hat ihm die Partei schon ein Auffangnetz gespannt. Abgesehen davon ist der Sozialdemokrat ja auch noch Jurist im Staats­dienst, sprich Richter am Landgericht - eine sichere Sache also.